Literatur

Erzählperspektiven und Erzählweisen

Erzählperspektiven nach Franz Karl Stanzel:
Zum Begriff „Perspektive“:Der Punkt, vom dem aus etwa betrachtet wird. Blickwinkel, Blickpunkt sind weitere Synonyme für „Perspektive“. Mit dem Terminus der Erzähltheorie „Erzählperspektive“ versucht man eine Antwort für die folgende Frage zu finden: Wo steht und spricht der Erzähler oder auch was kann der Erzähler wissen? Der Begriff betrifft deshalb das Verhältnis des Erzählers zur Hauptfigur und der erzählten Welt. Dabei wird unter dem „Erzähler“ nicht der Autor eines Textes verstanden, sondern eine erzählende Instanz innerhalb des Textes, eine bestimmte Position, aus der erzählt wird. Daher unterscheidet Franz Karl Stanzel vier Erzählsituationen:


1-    Erzähler der auktorialen Erzählsituation:
.Er steht der von ihm dargestellten Welt mit Distanz (Abstand) gegenüber.
.Er ist allwissend: Er beherrscht die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft seiner Figuren.
.Er kennt die Motivationen der Handlung seiner Figuren (er weiß warum die Figuren so und nicht anders handeln).
.Er beschreibt die Vorgänge von außen her (er steht außerhalb der Geschichte)
.Er liefert klare und laute Kommentare und Beurteilungen (etweder direkt oder indirekt)
.Er beherrscht das Innere der Figuren (Er beherrscht Außen- und Innensicht der Figuren)
.Bei der auktorialen Erzählung ist die dritte Person (Er/sie) vorherrschend.


Beispiel:
An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte…
Er ritt einst, mit einer Koppel junger Pferde, wohlgenährt alle und glänzend, ins Ausland, und überschlug eben, wie er den Gewinst, den er auf den Märkten damit zu machen hoffte, anlegen wolle: teils, nach Art guter Wirte, auf neuen Gewinst, teils aber auch auf den Genuß der Gegenwart: als er an die Elbe kam, und bei einer stattlichen Ritterburg, auf sächsischem Gebiete, einen Schlagbaum traf, den er…
(Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas)


Fragen zur Interpretation:
- Was kann man über den Erzähler aussagen?
- Wie sieht er seine Welt?
- Was stellt er dar?


2-    Erzähler der personalen Erzählsituation:
.Der Erzähler schlüpft in eine Figur (Reflektor Figur) und erzählt die Geschichte aus deren Perspektive.
.Er ist in ihre Wahrnehmung beschränkt auf das, was sich in ihrer Gesichtswelt befindet.
.Die Gefühlswelten anderer Figuren außer der (Reflektor Figur) sind ihm ungreifbar.
.Der Erzähler erzählt nur da, wo sich die entsprechende Figur (Reflektor Figur) befindet.
.In den erzählten Passagen herrscht die dritte Person(er/sie) vor.
.Verwendung des epischen Präteritums und des Konjunktiv 2.


Beispiel:
Senter wollte nicht mehr an das Tier denken. Er stützte die Ellenbogen auf die Planke und hob sich, soweit es ging, aus dem Wasser empor. Um sich umzusehen. Der Schrecken seiner Lage überwältigte ihn. Er war Hunderte von Meilen vom Land entfernt. Selbst unter den günstigsten Umständen konnte er kaum hoffen, aufgefischt zu werden. Mit Verzweiflung sah er, was ihm bevorstand. Er würde sich einige Stunden Lang an der Flanke festhalten können – nur wenige Stunden. Dann würde sich sein Griff vor Erschöpfung lösen, und er würde versinken.
(W.M.Harg: Der Retter)

Fragen zur Interpretation:
- Was können wir indirekt über die Zentralfigur erschließen: Wie verhlät sie sich gegenüber der sie umgebenden Welt? Wie sieht die sie umgebende Welt aus?
- Wird die Perspektive konsequent angewandt? Warum wird sie aufgegeben oder warum wird sie teilweise gebraucht (bei gemischter Perspektive/Perspektivenwechsel)?


3-    Der Ich-Erzähler:
.Erzähler und Handlungsfigur sind identisch (Erzähler ist selbst die Figur)
.Er hat eindeutig begrenzte Perspektive
.Der Erzähler kommt als Zentralfigur oder Augenzeuge der Handlung vor.
.Bei der Erzählung herrscht die Befangenheit(Subjektivität)vor.
.Emotionale Nähe zum Geschehen.


Beispiel:
Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiß, du verzeihst mir's. Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meine zu ängstigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig. Konnt' ich dafür, daß, während die eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung verschafften, daß eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete? Und doch
- bin ich ganz unschuldig? Hab' ich nicht ihre Empfindungen genährt? Hab' ich mich nicht an den ganz wahren Ausdrücken der Natur, die uns so oft zu lachen machten, so wenig lächerlich sie waren, selbst ergetzt? Hab' ich nicht - o was ist der Mensch, daß er über sich klagen darf! Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir's, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bißchen Übel,
das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich's immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen […]
Ich will nun suchen, auch sie ehstens zu sehn, oder vielmehr, wenn ich's recht bedenke, ich will's vermeiden. Es ist besser, ich sehe sie durch die Augen ihres Liebhabers; vielleicht erscheint sie mir vor meinen eigenen Augen nicht so, wie sie jetzt vor mir steht, und warum soll ich mir das schöne Bild verderben?
(Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers)


Fragen zur Interpretation:
-Was sagt der Erzähler über sich selbst?
- Ist er inzwischen anders als in dem Zeitraum, über den er berichtet?
- Wie ist sein Verhalten gegenüber anderen Menschen und seiner Umwelt(früher/heute)?

4-    Die neutrale Erzählsituation:
.Darstellung der Handlung aus neutraler Position (Reine Objektivität)
.Der Erzähler hat in der neutralen Erzählung keine Spuren: Gleich einer Kamera, die das Geschehen von außen her nur schildert.
.Einblicke in die Gefühlswelt der Figuren ist der neutralen Erzählsituation somit nicht möglich.
.Szenische Darstellungen, Dialoge (direkte Reden), Beschreibungen und Berichte sind für die neutrale Erzählsituation typisch.
. Es wird nur geschildert: Keine Kommentare, Beurteilungen oder Vorausdeutungen.


Beispiel:
Ein junger Mann geht durch eine Grünanlage. In einer Hand trägt er ein Eis. Er lutscht. Das Eis schmilzt. Das Eis rutscht an dem Stiel hin und her. Der junge Mann lutscht heftig, er bleibt vor einer Bank stehen. Auf der Bank sitzt ein Herr und liest eine Zeitung. Der junge Mann bleibt vor dem Herrn stehen und lutscht.
Der Herr sieht von seiner Zeitung auf. Das Eis fällt in den Sand.
Der junge Mann sagt, was denken Sie jetzt von mir? Der Herr sagt erstaunt, ich? Von Ihnen? Gar nichst. Der junge Mann zeigt auf das Eis und sagt, mir ist doch eben das Eis runtergefallen, haben Sie da nicht gedacht, so ein Trottel?
Der Herr sagt, aber nein. Das habe ich nicht gedacht. Es kann schließlich jedem einmal das Eis runterfallen.
Der junge Mann sagt, ach so, ich tue Ihnen Leid. Sie brauchen mich nicht zu trösten. Sie denken wohl, ich kann mir kein zweites Eis kaufen. Sie halten mich für einen Habenichts.
Der Herr faltet seine Zeitung zusammen. Er sagt, jung Mann, warum regen Sie sich auf? Meinetwegen können Sie soviel Eis essen, wie Sie wollen. Machen Sie überhaupt, wie Sie wollen. Er faltet die Zeitung wieder auseinander.
Der junge Mann tritt von einem Fuß auf den anderen. Sagt, das ist es eben, ich mache, was ich will. Mich nageln Sie nicht fest. Ich mache genau, was ich will. Was sagen Sie dazu?
Der Herr liest wieder in der Zeitung.
Der junge Mann sagt laut, jetzt verachten Sie mich. Bloß weil ich mache, was ich will. Ich bin kein Duckmäuser, was denken Sie jetzt von mir?
Der Herr ist böse.
(Helga. M. Novak: Eis )

Fragen zur Interpretation:
-Was wird dargestelt?
- Was sagen das Wahrgenommene und das Gesagte aus?


                                                                                                          Erzählweisen:


A-    Erzählenbericht:  Erzählte Wirklichkeit wird vom Erzähler selbst dargeboten
. Berichtende Erzählung:Sachliche Wiedergabe von Geschehnissen (gekennzeichnet durch Zeitraffung)
. Szenische Darstellung:Unmittelbar eingehende Wiedergabe von Geschehnissen. Nähe und Drammatik erzeugend.(gekennzeichnet durch Zeitdeckung)
. Beschreibung: Sachliche Darstellung von Zuständen und Verhaltensweisen
. Erörterung/Kommentierung: Subjektiv bewertende Aussage, meist direkte Wertung und Urteil über Personen oder Sachverhalte durch den Erzähler.


B-    Personenrede:
1.Direkte Rede: Figuren haben das Wort; Äußerungen durch Anführungszeichen markiert.
2. Indirekte Rede: Äußerungen oder Geschehen der Figuren werden vom erzähler referiert (Mermale: Nebensätze mit „dass“, Konjunktiv der indirekten Rede)
3. Erlebte Rede: Weitergabe von Gedanken, Fragen, Empfindungen der Figur; die grammatischen Merkmale bringen sie in die Nähe anderer Darstellungsformen.
4. Innerer Monolog: Stummes Selbstgespräch einer Figur in direkter oder erlebter Rede.
5. Bewusstseinsstrom: Bewusstseinsinhalte (Empfindungen, Erinnerungen, Reflexionen, Wahrnehmungen)

Zusammenfassung: Hassen Dif (Universität Algier II)
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Was ist eine Kurzgeschichte?

Kurzgeschichte - der Erzählung untergeordnet - ist eine neu erschienene epische Literaturform und geht auf den amerikanischen Gattungsbegriff Shortstory zurück. Kurzgeschichten sind realistische Prosaerzählungen, die sich im 19. Jahrhundert in Literaturtexten entwickelten. Der Höhepunkt dieser Form in der Entwicklungsgeschichte deutscher Literatur setzte sich erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch und begann als Trümmerliteratur (Nachkriegsliteratur).
Nach 1945 versuchte man, Ursachen für den Krieg zu finden. Der Nachkriegsautor strebte danach, aus persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen des Kriegs den Leser zum Nachdenken zu bringen und ihn zu beeinflußen. In diesem Sinne sind Kurzgeschichten zweckmäßig und dabei von Nutzen.


Typische Kennzeichen einer Kurzgeschichte:
1-    der geringe Umfang
2-    die thematische Darstellung der Wirklichkeit
3-    das offene Ende: die Handlung endet oft plötzlich, sodass der Leser weiterdenkt und angeregte Diskussionen eröffnet.
4-    Ziel dieser Literaturform war es, das Gefühl der Verbundenheit und eine gewisse Selbstverständigung zu schaffen.


Berühmte Vertreter der Kurzgeschichte:
- Ernest Hemingway 1899-1961
- Edgar Allan Poe 1809-1849
- Wolfgang Borchert 1921-1947 (Draußen vor der Tür)
- Heinrich Böll 1917-1985
- Franz Kafka 1883-1924
- Günther Kunert *1929

Zusammenfassung: Hassen Dif

Was ist eine Parabel?

Das Wort Parabel stammt ursprünglich aus dem Griechischen (Parabole) und steht dabei für die Bedeutung Gleichnis. Parabel ist eine Form der Prosaerzählung, die mit Hilfe eines Vergleichs auf eine bestimmte Moral oder religiöse Lehre hindeuten will. Im Unterschied zur Fabel ist der Gegenstandsbereich der Parabel nicht als Ganzes auf das Gemeinte übertragbar, sondern lediglich in einem Teilbereich.
Um sittliche Ideen, erzieherische Gedanken (Nächstenliebe, Toleranz) oder eine Lebensweisheit zu verdeutlichen, lehnt sich die Parabel auf einen Vergleich aus einem dem Leser vertrauten Vorstellungsbereich. Daher unterscheidet man zwischen dem Gesagten (Bildbereich) und dem Gemeinten (Gedankenbereich). Folglich möchte sie wie die Fabel zum Nachdenken anregen und überlässt es dem Leser, die Aussage der Parabel zu übertragen. Im Gegensatz zu Fabel handelt es sich aber bei der Parabel um Menschen, die in der Handlung spielen.


Merkmale der Parabel:
-    Zielgerichtete Stilisierung und Verknappung der Schilderung.
-    Die ästhetische zweckmäßige Sprache
-    Die Handlung hat scheinbar lehrhafte Züge
-    Parabeln enthalten oft Symbole (Bildzeichen), die für verschiedene Sachverhalte (Leitbilder, Motive, Anschauungen usw…) oder andere Dinge wie (Frieden, Freiheit, Hoffnung usw..) stehen.


Deutschsprachige Parabeldichter:
-    Johann Wolfgang von Goethe (1782-1832)
-    Johann Gottfried von Herder (1744-1803)
-    Friedrich Rückert (1788-1866)
-    Franz Kafka(1883-1924)
-    Bertolt Brecht(1898-1956)
-    Max Frisch (1911-1991)

Zusammenfassung: Hassen Dif

Was ist eine Fabel?


Eine Fabel ist meist eine kurze märchenhafte Geschichte (kurzer Prosatext), in der Tiere wie Menschen handeln. Typisch für die Fabeln ist die Moralität, d.h. jede Fabel trägt bestimmte Lehre in sich.Deren Lehre kommt oft als satirische Kritik menschlichen Verhaltens vor.
Der älteste uns bekannte Fabelerfinder war ein riechischer Sklave Äsop (550 v. Chr.).Weil es damals sehr gefährlich war, seine Meinung offen zu sagen, versuchte Äsop mit Hilfe seiner Fabeln, die Mächtigen zu kritisieren. Er kritisierte das Verhalten der Mächtigen und Starken gegenüber den Schwachen. Schlechte Eigenschaften wie Faulheit, Eitelkeit, Dummheit, Rachedurst oder Ruhmsucht konnte er so gefahrlos vorwerfen und dem Leser außerdem noch Spaß bereiten.


Aufbau einer Fabel:
Eine Fabel enthält typischerweise eine Einleitung, Handlung und einen Schluß.
Einleitung: Einführung der handelnden Figuren
Handlung: Weil die handelnden Tierfiguren meistens sehr antagonistische Lebensweisen und Geisteshaltungen aufweisen, soll es dementsprechend zu einem Konflikt kommen. Diese Phase ist durch Rede und Gegenrede gekennzeichnet, d.h. die Figuren führen oft einen entscheidenden Dialog, worin der Höhepunkt der Fabel besteht.
Schluß: Dieser Teil der Fabel stellt die Lösung dar. Meistens gibt es einen Gewinner und einen Verlierer. Dabei wird eine Fabel nicht umsonst gestaltet; Sie hat eine erzieherische Intension, anders gesagt, eine auf menschliche Verhaltensweisen sich beziehende Lehre. In dieser Lehre geht es häufig vorkommend um Klugheit - Dummheit, Macht - Ohnmacht, List – Einfalt usw…
Der Schluss ist der belehrende Teil der Fabel, während die Einleitung und die Handlung den erzählenden Teil darstellen.


Hauptkennzeichen einer Fabel:
Hier sind einige Merkmale:
- Die Figuren sind oft Tiere, die menschliche Eigenschaften nehmen.
- Handlung ist erfunden und kurz
- Erzieherischer und unterhaltender Inhalt
- Die Handlung hat einen Klaren Wendepunkt
- Einsatz des epischen Präteritums


Bekannte Fabeldichter:
- Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)
- Martin Luther (1483-1546)
- Jean de La Fontaine(1621-1695)

Zusammenfassung: Hassen Dif