Auserlesene Gedichte

Gedichte von Georg Trakl (dem österreichischen Expressionisten):

1-IM HERBST


Die Sonnenblumen leuchten am Zaun,
Still sitzen Kranke im Sonnenschein.
Im Acker mühn sich singend die Frau’n,
Die Klosterglocken läuten darein.

5

Die Vögel sagen dir ferne Mär’,                                                                                                                                                                            Die Klosterglocken läuten darein.
Vom Hof tönt sanft die Geige her.
Heut keltern sie den braunen Wein.
Da zeigt der Mensch sich froh und lind.

 

10

Heut keltern sie den braunen Wein.                                                                                                                                                                                                                       Weit offen die Totenkammern sind
Und schön bemalt vom Sonnenschein.

 


 

 

2- Verklärter Herbst           

Gewaltig endet so das Jahr
mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
und sind des Einsamen Gefährten.
 
Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.
 
Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
das geht in Ruh und Schweigen unter.

 


 

 

3- Die Ratten

 

In Hof scheint weiß der herbstliche Mond.

Vom Dachrand fallen phantastische Schatten.

Ein Schweigen in leeren Fenstern wohnt;

Da tauchen leise herauf die Ratten

 

Und huschen pfeifend hier und dort

Und ein gräulicher Dunsthauch wittert

Ihnen nach aus dem Abort,

Den geisterhaft der Mondschein durchzittert

 

Und sie keifen vor Gier wie toll

Und erfüllen Haus und Scheunen,

Die von Korn und Früchten voll.

Eisige Winde im Dunkel greinen.


 

Vorstadt im Föhn


Am Abend liegt die Statte öd und braun,

Die Luft von gräulichem Gestank durchzogen.

Das Donnern eines Zugs vom Brückenbogen -

Und Spatzen flattern über Busch und Zaun.

 

Geduckte Hütten, Pfade wirr verstreut,

In Gärten Durcheinander und Bewegung,

Bisweilen schwillt Geheul aus dumpfer Regung,

In einer Kinderschar fliegt rot ein Kleid.

 

Am Kehricht pfeift verliebt ein Rattenchor.

In Körben tragen Frauen Eingeweide,

Ein ekelhafter Zug voll Schmutz und Räude,

Kommen sie aus der Dämmerung hervor.

 

Und ein Kanal speit plötzlich feistes Blut

Vom Schlachthaus in den stillen Fluß hinunter.

Die Föhne färben karge Stauden bunter

Und langsam kriecht die Röte durch die Flut.

 

Ein Flüstern, das in trübem Schlaf ertrinkt.

Gebilde gaukeln auf aus Wassergraben,

Vielleicht Erinnerung an ein früheres Leben,

Die mit den warmen Winden steigt und sinkt.

 

Aus Wolken tauchen schimmernde Alleen,

Erfüllt von schönen Wägen, kühnen Reitern.

Dann sieht man auch ein Schiff auf Klippen scheitern

Und manchmal rosenfarbene Moscheen.


 

 

Dämmerung


Im Hof, verhext von milchigem Dämmerschein,

Durch Herbstgebräuntes weiche Kranke gleiten.

Ihr wächsern-runder Blick sinnt goldner Zeiten,

Erfüllt von Träumerei und Ruh und Wein.

 

Ihr Siechentum schließt geisterhaft sich ein.

Die Sterne weiße Traurigkeit verbreiten.

Im Grau, erfüllt von Täuschung und Geläuten,

Sieh, wie die Schrecklichen sich wirr zerstreun.

 

Formlose Spottgestalten huschen, kauern

Und flattern sie auf schwarz-gekreuzten Pfaden.

O! trauervolle Schatten an den Mauern.

 

Die andern fliehn durch dunkelnde Arkaden;

Und nächtens stürzen sie aus roten Schauern

Des Sternenwinds, gleich rasenden Mänaden.


 

Gedichte von Friedrich Gottlieb Klopstock

Das Wiedersehen

 

Der Weltraum fernt mich weit von dir,
So fernt mich nicht die Zeit.
Wer überlebt das siebzigste
Schon hat, ist nah bey dir.

Lang sah ich, Meta, schon dein Grab,
Und seine Linde wehn;
Die Linde wehet einst auch mir,
Streut ihre Blum' auch mir,

Nicht mir! Das ist mein Schatten nur,
Worauf die Blüthe sinkt;
So wie es nur dein Schatten war,
Worauf sie oft schon sank.

Dann kenn' ich auch die höhre Welt,
In der du lange warst;
Dann sehn wir froh die Linde wehn,
Die unsre Gräber kühlt.

Dann.. Aber ach ich weiß ja nicht,
Was du schon lange weißt;
Nur daß es, hell von Ahndungen,
Mir um die Seele schwebt!

Mit wonnevollen Hofnungen
Die Abendröthe komt:
Mit frohem, tiefen Vorgefühl,
Die Sonnen auferstehn!


 

 

Der Abschied

Wenn du entschlafend über dir sehen wirst
Den stillen Eingang zu den Unsterblichen,
Und aufgetan die erdeferne
Pforte des Himmels, enthüllt den Schauplatz

Der Ewigkeit! dann nahe dir hören wirst
Die Donnerrede des‘, der Entscheidung dir
Kund tut; so feierlich spricht die Gottheit,
Wenn sie das Urteil der Tugend ausspricht;

Wenn du dann lächelnd näher dir hören wirst
Die Stimme Salems, welcher dein Engel war,
Und, mit des Seraphs sanftem Laute,
Deines entschlafenen Freundes Stimme:

Dann werd’ ich vor dir lange gestorben sein.
Den letzten Abend sprach ich, und lehnte mich
An deines Bruders Brust, und weinend
Senkt’ ich die Hand ihm in seine Hand hin:

»Mein Schmidt, ich sterbe, sehe nun bald um mich
Die großen Seelen, Popen und Addison,
Den Sänger Adams neben Adam,
Neben ihm Eva mit Palmenkränzen,

Der Schläfe, Miltons heilig; die himmlische,
Die fromme Singer, bei ihr die Radikin,
Und durch des‘ Tod mich Staunen traf, dass
Traurigkeit auch, und nicht Freud’ allein sei

Auf Erden! meinen Bruder, der blühte, schnell
Abfiel! Bald tret’ ich in die Versammlungen,
Hin ins Getön, ins Halleluja,
In die Gesänge der hohen Engel.

Heil mir! mein Herz glüht, feurig und ungestüm
Bebt mir die Freude durch mein Gebein dahin!
Heil mir! die ewig junge Seele
Fließet von Göttergedanken über.

Schon halb gestorben, lebet von neuem mir
Der müde Leib auf; so werd’ ich auferstehn,
Der süße Schauer wird mich fassen,
Wenn ich mit dir von dem Tod’ erwache.

Wie mir es sanft schlägt! leg’ an mein Herz dich, Freund!
Ich lebt’, und dass ich lebte, bereu’ ich nicht,
Ich lebte dir, und unsern Freunden,
Aber auch ihm, der nun bald mich richtet!

Ich hör’, ich höre fern schon der Waage Klang,
Nah ihr der Gottheit Stimme, die Richterin;
O wäre sie der bessern Taten
Schale so schwer, dass sie überwöge!

Ich sang den Menschen menschlich den Ewigen,
Den Mittler Gottes. Unten am Throne liegt
Mein großer Lohn mir, eine gold’ne,
Heilige Schale von Christentränen.

Ach, schöne Stünden! traurige schöne Zeit,
Mir immer heilig, die ich mit dir gelebt!
Die erste floss uns frei und lächelnd,
Jugendlich hin, doch die letzte weint’ ich!

Mehr, als mein Blick sagt, hat dich mein Herz geliebt,
Mehr, als es seufzet, hat dich mein Herz geliebt;
Lass ab vom Weinen; sonst vergeh’ ich:
Auf, sei ein Mann! geh’, und liebe Rothen!

Mein Leben sollte hier noch nicht himmlisch sein,
Drum liebte die mich, die ich so liebte, nicht.
Geh, Zeuge meines Trauerlebens,
Geh, wenn ich tot bin, zu deiner Schwester,

Erzähl, nicht jene mir unvergesslichen
Durchweinten Stunden, nicht, wie ein trüber Tag,
Wie Wetter, die sich langsam fortziehn,
Mein nun vollendetes kurzes Leben;

Nicht jene Schwermut, die ich an deiner Brust
Verstummend weinte; Heil dir, mein teurer Freund!
Weil du mit allen meinen Tränen
Mitleid gehabt, und mit mir geweint hast!

Vielleicht ein Mädchen, welches auch edel ist,
Wird, meiner Lieder Hörerin, um sich her
Die Edlen ihrer Zeit betrachten,
Und mit der Stimme der Wehmut sagen:

O lebte der noch, welchem so tief das Herz
Der Liebe Macht traf! Die wird dich segnen, Freund!
Weil du mit meinen vielen Tränen
Mitleid gehabt, und mit mir geweint hast!

Geh, wenn ich tot bin, lächelnd, so wie ich starb,
Zu deiner Schwester; schweige vom Trauerden;
Sag ihr, dass sterbend ich von ihr noch
Also gesprochen, mit heiterem Blicke;

Des Herzens Sprache, wenn sie mein toter Blick
Noch reden kann, ach sag’ ihr: Wie liebt’ ich dich!
Wie ist mein unbemerktes Leben,
Dir nur geheiligt, dahingegangen!

Des besten Bruders Schwester! Nimm‘, Göttliche,
Den Abschiedssegen, welchen dein Freund dir gibt;
Gelebt hat keiner, der dich also
Segnete, keiner wird so dich segnen.

Womit der lohnet, welcher die Unschuld kennt,
Von aller hohen himmlischen Seligkeit,
Von jener Ruh der frommen Tugend,
Fließe dein göttliches Herz dir über!

Du müssest weinen Tränen der Menschlichkeit,
Viel teure Tränen, wenn du die Dulder siehst,
Die vor dir leiden, durch dich müsse
Deinen Gespielinnen sichtbar werden

Die heilge Tugend, Gottes erhabenste,
Hier nicht erkannte Schöpfung, und selige,
Von ihrem Jubel volle Freuden
Müssen dein jugendlich Haupt umschweben,

Dir schon bereitet, da du aus Gottes Hand
Mit deinem Lächeln heiter gebildet kamst;
Schon da gab dir, den du nicht kanntest,
Heitere Freuden, mir aber Tränen!

O schöne Seele, die ich mit diesem Ernst
So innig liebte! Aber in Tränen auch
Verehr’ ich ihn, das schönste Wesen,
Schöner als Engel ihn denken können.

Wenn hingeworfen vor den Unendlichen
Und tief anbetend ich an des Thrones Fuß
Die Arme weit ausbreite, für dich
Hier unempfundne Gebete stammle:

Dann müsst’ ein Schauer von dem Unendlichen,
Ein sanftes Beben derer, die Gott nun sehn,
Ein süßer Schauer jenes Lebens
Über dich kommen, und dir die Seele

Ganz überströmen. Über dich müssest du
Erstaunend stehn, und lächelnd gen Himmel schaun!
Ach, dann komm bald im weißen Kleide,
Wallend im lieblichen Strahl der Heitre!

Ich sprach’s; und sah noch einmal ihr Bildnis an,
Und starb. Er sah das Auge des Sterbenden,
Und klagt’ ihr nicht, weil er sie liebet,
Dass ihm zu früh sein Geliebter hinstarb.

Wenn ich vor dir so werde gestorben sein,
O meine Fanny, und du auch sterben willst;
Wie wirst du deines toten Freundes
Dich in der ernsteren Stund’ erinnern?

Wie wirst von ihm du denken, der edel war,
So ganz dich liebte? wie von den traurigen,
Trostlos durchweinten Mitternächten?
Von der Erschütterung seiner Seele?

Von jener Wehmut, wenn nun der Jüngling oft,
Dir kaum bemerket, zitternd dein Auge bat,
Und schweigend, nicht zu stolz, dir vorhielt,
Dass die Natur ihn für dich geschaffen?

Ach dann! wie wirst du denken, wenn schnell dein Blick
Und ernst ins Leben hinter dem Rücken schaut?
Das schwör’ ich dir, dir ward ein großes,
Göttliches Herz, und das mehr verlangte.

Stirb sanft! o, die ich mit unaussprechlicher
Empfindung liebte! Schlummer’ in die Ewigkeit
Mit Ruh hinüber, wie dich Gott schuf,
Als er dich machte voll schöner Unschuld.«

Die Stunden der Weihe
Euch Stunden, grüß’ ich, welche der Abendstern
Still in der Dämmerung mir zur Erfindung bringt,
O geht nicht, ohne mich zu segnen,
Nicht ohne große Gedanken weiter!

Im Thor des Himmels sprach ein Unsterblicher:
»Eilt, heilige Stunden, die ihr die Unterwelt
Aus diesen hohen Pforten Gottes
Selten besuchet, zu jenem Jüngling,

Der Gott, den Mittler, Adams Geschlechte singt!
Deckt ihn mit dieser schattigen kühlen Nacht
Der gold’nen Flügel, dass er einsam
Unter dem himmlischen Schatten dichte

Was ihr gebaret, Stunden, das werden einst,
Weissaget Salem, ferne Jahrhunderte
Vernehmen, werden Gott, den Mittler
Ernster betrachten, und heilig leben.«

Er sprachs. Ein Nachklang von dem Unsterblichen
Fuhr mir gewaltig durch mein Gebein dahin;
Ich stand, als ging’ in Donnerwettern
Über mir Gott, und erstaunte freudig.

Dass diesem Ort kein schwatzender Prediger,
Kein wandelloser Christ, der Propheten selbst
Nicht fühlt, sich nahe! Jeder Laut, der
Göttliche Dinge nicht tönt, verstumme!

Deckt, heilige Stunden, decket mit eurer Nacht
Den stillen Eingang, dass ihn kein Sterblicher
Betrete, winkt selbst meiner Freunde
Gerne gehorchten, geliebten Fuß weg!

Nur nicht, wenn Schmidt will aus den Versammlungen
Der Musen Sions zu mir herüber gehn;
Doch, dass du nur vom Weltgerichte,
Oder von deiner erhabenen Schwester,

Dich unterredest! Auch wenn sie richtet, ist
Sie liebenswürdig. Was ihr empfindend Herz
In unsern Liedern nicht empfunden,
Sei nicht mehr! was sie empfand, sei ewig!


 

 

Gegenwart der Abwesenden

Der Liebe Schmerzen, nicht der erwartenden
Noch ungeliebten, die Schmerzen nicht,
Denn ich liebe, so liebte
Keiner! so werd ich geliebt!

Die sanftern Schmerzen, welche zum Wiedersehn
Hinblicken, welche zum Wiedersehn
Tief aufatmen, doch lispelt
Stammelnde Freude mit auf!

Die Schmerzen wollt ich singen. Ich hörte schon
Des Abschieds Tränen am Rosenbusch
Weinen! weinen der Tränen
Stimme die Saiten herab!

Doch schnell verbot ich meinem zu leisen Ohr
Zurück zu horchen! die Zähre schwieg,
Und schon waren die Saiten
Klage zu singen verstummt!

Denn ach, ich sah dich! trank die Vergessenheit
Der süßen Täuschung mit feurigem
Durste! Cidli, ich sahe
Dich, du Geliebte! dich Selbst!

Wie standst du vor mir, Cidli, wie hing mein Herz
An deinem Herzen, Geliebtere,
Als die Liebenden lieben!
O die ich suchet’, und fand!


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Datum der letzten Aktualisierung: 11/10/2014